Cornavin station guide
Geschichte des Bahnhofs Genf-Cornavin

Der Bahnhof trägt den Namen eines Ortes, den es nicht mehr gibt: ein Tor in der Genfer Stadtbefestigung, der einzige Zugang zur Stadt vom rechten Ufer her. Woher der Name kommt, warum der Bahnhof genau dort steht und was heute noch davon zu sehen ist.
Das Tor vor dem Bahnhof
Bevor Cornavin ein Bahnhof war, war es ein Durchgang. Der Name bezeichnete zuerst einen Nant — einen Bach —, dann eine Bastion, dann das Porte de Cornavin: den einzigen Eingang nach Genf vom rechten Ufer, in dem Befestigungsring, der die Stadt umschloss.
Dieses Tor war keine Nebensache. Alles, was von Norden kam — Waren, Reisende, Post —, musste hindurch, dort halten und entrichten, was fällig war. Vor den Mauern entstand eine Vorstadt mit Gasthäusern und Lagerhallen.
Als die Befestigungen im 19. Jahrhundert fielen, überlebte der Name das, was er bezeichnete. Er ging über auf die Strasse, dann auf den Platz, dann auf den Bahnhof. Das ist die kurze Antwort auf «warum Cornavin»: Der Bahnhof wurde ausserhalb der Mauern errichtet, unmittelbar vor dem Porte de Cornavin — und erbte dessen Namen.
Vier Deutungen für einen Namen
Die Herkunft des Wortes selbst ist ungeklärt. Der Name ist alt, und vier Lesarten bestehen nebeneinander, ohne dass sich die Forschung einig wäre.
| Deutung | Was dafür spricht |
|---|---|
| Die Reben des Bischofs | Die meistzitierte. Das Land gehörte dem Bischof von Genf, und vom 11. bis zum 15. Jahrhundert bedeckten Rebberge den Raum zwischen Coutance und dem See — also genau den heutigen Standort. |
| «Corne», eine Weinabgabe | Eine Steuer auf Wein, der in die Stadt gelangte. Der Name bezeichnete demnach die Erhebungsstelle am Eingang. |
| «Corne», eine Ecke | «Corne» im Sinne von Winkel: Der Platz bildete eine spitz zulaufende Parzelle zwischen den alten Bastionen. |
| Das Gasthaus «La Corne à Vin» | Eine Schenke, die dem Quartier den Namen gegeben haben soll. Reizvoll, aber von Historikern kaum gestützt. |
Drei der vier Spuren führen zum Wein, was in einer Vorstadt aus Reben und Zöllen kein Zufall ist. Nach heutigem Quellenstand lässt sich aber nicht sagen, welche zutrifft. Seiten, die nur eine Deutung ohne Vorbehalt nennen, sind mit Vorsicht zu lesen.
1849: Genf reisst seine Mauern nieder
Nichts davon wäre ohne einen politischen Entscheid geschehen. Am 15. September 1849 beschloss der Grosse Rat, die Befestigungen rund um Genf abzutragen. Militärisch überholt, erstickten sie eine Stadt, die nicht mehr wachsen konnte. Der Abbruch begann 1850.
Auf dem frei gewordenen Gelände entwarf der Ingenieur Léopold Blotnitzki für das Baudepartement den generellen Erweiterungsplan — vom Staatsrat 1855 und 1858 angenommen. Der Plan verdreifachte die Stadtfläche: ein Gürtel neuer Quartiere, 6 500 Wohnungen, Schulen, Kirchen, Boulevards und Quais.
Ein Detail ist hier entscheidend: Der Plan sah die öffentlichen Einrichtungen der neuen Stadt ausdrücklich vor — und der Bahnhof gehörte dazu. Cornavin ist also kein zufällig neben einem alten Wall abgestelltes Gebäude, sondern Bestandteil eines Stadtprojekts, das den militärischen Gürtel durch einen zivilen ersetzte.
1858: warum hier und nicht anderswo
Der Standort des Hauptbahnhofs war dennoch umstritten. Drei weitere Lagen standen zur Debatte: Bel-Air, l’Île und la Coulouvrenière — alle näher am Zentrum. Der Bankier François Bartholoni setzte Cornavin durch, auf dem geräumten Gelände vor dem einstigen Tor.
Der Entscheid wird bis heute diskutiert. Er rückte den Bahnhof abseits des historischen Kerns auf das rechte Ufer und bündelte den gesamten Verkehr aus dem Norden auf einen einzigen Punkt — ein Zwang, den die Stadt seither nie wirklich aufgelöst hat.
Die Bauarbeiten begannen 1854. Die Eröffnung erstreckte sich über drei Tage, vom 16. bis 18. März 1858. Dreissig Jahre später erhielt das linke Ufer mit den Eaux-Vives 1888 einen eigenen Bahnhof — zwei Bahnhöfe ohne Verbindung, was später schwer wiegen sollte.
Ein oft vergessenes Detail: Der Bahnhof gehörte damals nicht der Schweiz. Er blieb bis 1912 Privateigentum der französischen Gesellschaft PLM.
Der Brand vom 11. Februar 1909
Am 11. Februar 1909 brach in der Handgepäckaufbewahrung ein Feuer aus, ausgelöst durch einen überhitzten Ofen. Das Gebäude wurde fast vollständig zerstört; stehen blieben nur die Steinmauern.
Der Bahnhof von 1858 wurde damit einundfünfzig Jahre alt. Was Genf danach errichtete, war keine Reparatur, sondern ein Bau von anderem Anspruch.
Der Bahnhof von Flegenheimer
Der Wiederaufbau wurde dem Architekten Julien Flegenheimer übertragen, mit Skulpturen von Jacques Probst. Die neue zentrale Halle wurde am 25. Juni 1929 eingeweiht, das gesamte Werk 1931 vollendet.
Es ist dieses Gebäude, das man heute durchquert. Genf baute seinen Bahnhof nicht bloss wieder auf: Es machte ihn zu einem internationalen Bahnhof, im Massstab einer Stadt, die wenige Jahre zuvor Sitz des Völkerbunds geworden war.
Vom Dampf zum Léman Express
- 1. Februar 1925 — Elektrifizierung der Strecke Lausanne–Genf mit 15 kV Wechselstrom, 16,7 Hz.
- 1956 — Elektrifizierung der Strecke Genf–La Plaine mit 1,5 kV Gleichstrom, zum Anschluss an das französische Netz.
- 2014 — dieselbe Strecke wird auf 25 kV Wechselstrom umgestellt.
- 15. Dezember 2019 — Inbetriebnahme des Léman Express.
- November 2024 — Aufschaltung eines neuen elektronischen Stellwerks.
CEVA: 107 Jahre zwischen Idee und Zug
Cornavin mit dem linken Ufer und mit Frankreich zu verbinden, ist keine neue Idee. Am 7. Mai 1912 regelte eine Vereinbarung zwischen Bund, Kanton Genf und SBB die Finanzierung der Verbindung Cornavin–Eaux-Vives–Annemasse: je ein Drittel. Das ist die Geburtsurkunde von CEVA — im selben Jahr übrigens, in dem der Bahnhof aufhörte, PLM-Eigentum zu sein.
Die Vorstudien liefen von 1912 bis 1938. Danach schoben Wirtschaftskrisen, Kriege und politische Blockaden das Projekt Jahrzehnt um Jahrzehnt hinaus. Der erste Zug fuhr am 15. Dezember 2019.
107 Jahre liegen zwischen Unterschrift und Inbetriebnahme. Sie haben endlich die beiden Bahnhöfe verbunden, die Genf sich 1858 und 1888 gegeben hatte.
Der unterirdische Bahnhof: was wirklich beschlossen ist
Cornavin ist am Anschlag. Täglich sind 171 000 Personen hier unterwegs — Reisende, Passanten, Kundschaft der Geschäfte. Die Antwort der SBB ist eine unterirdische Erweiterung im Rahmen des Programms Léman 2030.
Es kursieren viele Zahlen, und sie sind oft falsch. Diese stammen von den SBB selbst:
- Budget: rund 2 Milliarden Franken
- Öffentliche Planauflage: frühestens Ende 2027
- Baubeginn: frühestens 2030, je nach Dauer des Verfahrens
- Bauzeit: etwa neun Jahre
- Angestrebte Inbetriebnahme: um 2038
Mit anderen Worten: Im Bahnhof ändert sich noch mehrere Jahre lang nichts. Und wenn die Geschichte von CEVA etwas lehrt, dann dies — einen Genfer Bahnterminplan liest man mit Vorsicht.
Was heute noch zu sehen ist
Das Porte de Cornavin verschwand mit den Befestigungen; vor Ort ist nichts davon erhalten. Der Verlauf der Wälle lässt sich jedoch im Zuschnitt der Boulevards erahnen, die aus dem Blotnitzki-Plan hervorgingen.
Sichtbarer Zeuge ist die Halle von 1929 mit den Skulpturen von Jacques Probst. Der Rest steckt im Namen: ein verschwundenes Tor, vier Deutungen eines Wortes und 171 000 Menschen, die täglich den einstigen Nordeingang Genfs durchqueren, ohne es zu wissen.
Häufige Fragen
Warum heisst der Genfer Bahnhof Cornavin?
Weil er ausserhalb der Mauern errichtet wurde, unmittelbar vor dem Porte de Cornavin — dem einzigen Zugang nach Genf vom rechten Ufer. Die Befestigungen wurden ab 1850 abgetragen, doch der Name blieb und ging auf die Strasse, den Platz und schliesslich auf den 1858 eröffneten Bahnhof über.
Was bedeutet das Wort «Cornavin»?
Die Herkunft ist ungeklärt. Vier Deutungen bestehen nebeneinander: die Rebberge des Bischofs von Genf, die den Ort vom 11. bis 15. Jahrhundert bedeckten (die meistzitierte), eine Weinabgabe namens «corne», das Wort «corne» im Sinne einer Ecke für eine spitze Parzelle zwischen Bastionen, oder ein Gasthaus «La Corne à Vin». Keine ist gesichert.
Wann wurde der Bahnhof Cornavin gebaut?
Die Bauarbeiten begannen 1854, eröffnet wurde der Bahnhof vom 16. bis 18. März 1858. Bis 1912 blieb er Privateigentum der französischen Gesellschaft PLM.
Warum wurde der Bahnhof 1929 neu gebaut?
Ein Brand, ausgelöst durch einen Ofen in der Handgepäckaufbewahrung, zerstörte das Gebäude von 1858 am 11. Februar 1909 bis auf die Steinmauern. Der Wiederaufbau durch den Architekten Julien Flegenheimer brachte die am 25. Juni 1929 eingeweihte und 1931 vollendete Halle hervor — jene, die man heute durchquert.
Wann geht der unterirdische Bahnhof Cornavin in Betrieb?
Die SBB streben rund 2038 an. Die öffentliche Planauflage wird frühestens Ende 2027 erwartet, der Baubeginn frühestens 2030, bei etwa neun Jahren Bauzeit und einem Budget von rund 2 Milliarden Franken.
Warum hat der Léman Express so lange gedauert?
Die Finanzierungsvereinbarung für die Verbindung Cornavin–Eaux-Vives–Annemasse wurde am 7. Mai 1912 unterzeichnet. Die Studien liefen von 1912 bis 1938, danach verzögerten Wirtschaftskrisen, Kriege und politische Blockaden das Projekt. Der erste Zug fuhr am 15. Dezember 2019 — 107 Jahre nach der Unterschrift.